Wenn die Chemie mit den Kollegen nicht stimmt

Wenn die Chemie mit den Kollegen nicht stimmt

Den Nebenmann im Büro kann sich niemand aussuchen. Stehen Streitereien auf der Tagesordnung, hilft ein klärendes Gespräch. Gegenseitige Schuldzuweisungen haben darin aber nichts zu suchen. [06.02.2006]




Die Hände ballen sich zu Fäusten, die Fingernägel graben sich tief in die Handflächen und der Puls schiesst in die Höhe: Der Kollege ist einfach nicht zum aushalten. Ständig will er das letzte Wort haben, weiss alles besser. Ratschläge, Tipps, Anregungen schlägt er einfach in den Wind.

Wenn die Chemie zwischen den Kollegen nicht stimmt, ist Streit programmiert. Abwarten, bis der andere den ersten Schritt macht, ist jedoch vergebene Liebesmüh, sagt Dr. Ingo Wolf von der Konfliktberatungsstelle der Philipps-Universität Marburg. Um Dauergenervtheiten zu vermeiden, müsse man selbst aktiv werden und den anderen auf das Problem ansprechen.

Schmollen bringt nichts

Aber Vorsicht vor zu schnell ausgesprochenen Schuldzuweisungen. "Es reicht nicht, dem anderen die Schuld zuzuschieben und auf Besserung zu hoffen. Denn sobald sich jemand als schuldig abgestempelt fühlt, ist auch dessen Bereitschaft zur Konfliktlösung herabgesetzt", warnt Wolf. 

Der Berliner Karriere-Coach Karsten Noack sieht das genauso. Bei tiefgreifenden Streitereien sei es sogar ratsam einen externen Berater hinzuzuziehen, der nicht an dem Konflikt beteiligt ist, die Situation als einziger annähernd objektiv einschätzen und zwischen den Parteien vermitteln kann. Bei oberflächlichen Auseinandersetzungen seien langatmige Aussprachen dagegen nicht immer notwendig. Manchmal reiche es aus, wenn sich nur eine der beiden Konfliktparteien hinterfrage, sagt er und zieht den Vergleich zum Dominospiel. "Wenn ein Stein nicht kippt, ändert sich das ganze System. Will heissen: Wenn einer die Bereitschaft aufweist, den bürointernen Hahnenkampf beizulegen, kann das die entscheidende Wende bringen."

Beide haben ihren Anteil

Es helfe beispielsweise, die vorangegangenen Konflikte in einer ruhigen Minute noch mal vor dem geistigen Auge Revue passieren zu lassen. "Dabei sollte man ruhig auch mal eine andere Position als die eigene einnehmen und sein Verhalten aus der Perspektive eines Aussenstehenden betrachten", rät der Karriereberater. "Das lässt tiefe Einsichten über sich selbst und den Konfliktpartner zu. Viele meiner Klienten sind hinterher oft regelrecht erschrocken über ihr eigenes Verhalten." Denn oftmals merke der "Leidtragende" nicht, dass er selbst dazu beiträgt, dass die Büroluft zum Schneiden ist. "Es gibt nie den Guten oder den Bösen, jeder hat seinen Anteil am Büro-Smoke."

Martin Schaaf* hat das selbst erlebt. Seit zehn Jahren arbeitet der 28-jährige Offenbacher bei einem Logistikdienstleister im Rhein-Main-Gebiet. Jedes Mal, wenn er in den vergangenen Monaten aus dem Urlaub kam, konnte er sich mental auf ein Gespräch bei seinem Vorgesetzten einstellen. "Grundsätzlich beschwerte sich meine Urlausvertretung während meiner Abwesenheit bei ihm, dass ich meine Aufgaben schlecht an sie übergeben hätte", erzählt er. "Jedes Mal diese Nörgeleien. Ich habe das Problem immer wieder angesprochen, ihr angeboten, mich bei Unklarheiten im Urlaub auf meinem Handy anzurufen. Aber immer wieder rannte sie zum Chef."

Manchmal löst der Zufall Konflikte

Die Ursache des Konflikts brachte letztlich der Zufall zutage. "Irgendwann zogen mich meine Kollegen im Spass auf, dass ich ein recht dominanter Typ sei", erinnert sich der Logistiker. "Da wurde mir klar, dass meine Kollegin deshalb das direkte Gespräch mit mir vermeidet - sie fühlte sich durch mein Auftreten bedroht." Die Einsicht klärte die dicke Luft zwischen Martin Schaaf und seiner Kollegin. "Ich habe mir das sehr zu Herzen genommen, gehe zum Beispiel nach meinem Urlaub inzwischen von mir aus auf die Kollegin zu, frage, ob alles in Ordnung war."

Ein erster Schritt in die richtige Richtung, lobt Karriere-Coach Karsten Noack. "Am häufigsten kommt es zu Auseinandersetzungen, wenn verschiedene Persönlichkeiten aufeinander treffen", sagt er. "Wenn jemand zum Beispiel sehr systematisch an Aufgaben heran geht und sich auf diese zunächst vorbereiten will, der andere dagegen auf der Stelle loslegt, ist der Zoff programmiert." Habe sich erstmal eine leichte Genervtheit eingestellt, schaukele die sich schnell zur tiefen Antipathie gegen den anderen hoch, wenn es die Kollegen es nicht schaffen, ihre Reibereien frühzeitig ad acta zu legen.

Schlechte Stimmung bedeutet Karrierestillstand

"Wie sich das auf die Leistungsfähigkeit und Effektivität der betreffenden Mitarbeiter auswirkt, brauche ich wohl nicht näher auszuführen", sagt Karsten Noack. "Schlechte Stimmung bedeutet Karrierestillstand, vielleicht sogar die Notwendigkeit, dass jemand aussortiert werden muss. Denn wer Konflikte von sich aus nicht lösen kann, erscheint für bestimmte Aufgaben nicht geeignet." Der Aufstieg in Positionen mit grösserer Verantwortung sei bei anhaltenden Querelen innerhalb eines Teams zum Beispiel verbaut.

Nie zuvor habe das Stichwort Konfliktfähigkeit im Berufsalltag eine so gewichtige Bedeutung gehabt wie heute. "Um reibungslose Betriebsabläufe zu gewährleisten, kommt es darauf an, sich schnell auf neue Bedingungen einzustellen", sagt Karrierecoach Karsten Noack. "Manche Teams werden sogar kurzfristig für eine vorgegebene Zeitspanne zusammengestellt. Streithähne scheiden da von vornherein aus. Denn wenn zu viel Zeit auf Klärung der Befindlichkeiten verwendet wird, rechnet sich ein Projekt im Zweifelsfall nicht mehr, weil zu viel Energie in fachfremde Dinge investiert wurde und Termine nicht mehr eingehalten werden können." Karriereförderlich sei das garantiert nicht.

(Sonja Kronenberger / Bild: Photo Alto)


*Name von der Redaktion geändert