Der tägliche Irrsinn am Arbeitsplatz

Der tägliche Irrsinn am Arbeitsplatz

Der tägliche Irrsinn am Arbeitsplatz

Neben seriösen Unternehmen gibt es Chaostruppen, Geldvernichter und Firmen, bei denen die Vernunft keinen Zutritt hat. Martin Wehrle über Irrsin in Unternehmen. Teil eins: Woran Sie merken, dass Ihre Firma (nicht) zu Ihnen passt?



Zwölf Millionen Dollar sollte sie kosten, die Statue eines griechischen Jünglings, die dem Getty-Museum in Los Angeles angeboten wurde. Der Preis ging in Ordnung, war das Kunstwerk doch 2500 Jahre alt. Zu dieser Überzeugung war eine Gruppe von Wissenschaftlern gelangt. Monatelang hatte sie die Statue begutachtet – mit Mikroskopen, mit Röntgengeräten, mit modernsten Tests.

Vertrauen Sie auf Ihr Bauchgefühl

In letzter Sekunde schauten sich noch ein paar Kunstkenner die Figur an. Das einzige Untersuchungsinstrument, das sie mitbrachten, war ihr Instinkt. Die Tendenz fiel einhellig aus: Thomas Hoving, ehemaliger Leiter des Metropolitan Museum oft Art in New York, dachte beim ersten Anblick des Jünglings, dieser sei frisch. Ein renommierter Chefarchäologe aus Griechenland verspürte sofort ein Frösteln und fühlte sich vom dem Kunstwerk wie durch eine unsichtbare Wand getrennt.
Am Ende wurde aufgedeckt: Die Statue war eine raffinierte Fälschung. Alle wissenschaftlichen Tests hatten versagt. Recht behalten hatten der erste Blick, das Bauchgefühl, die Intuition.

Ein Zufall? Nein, der Instinkt ist dem Verstand in vielen Situationen voraus. Jeder von uns weiß mehr, als er zu wissen glaubt. Das Problem ist nur: Die meisten Menschen haben verlernt, auf ihren Instinkt zu hören – vor allem am Arbeitsplatz, wo scheinbar nur das zählt, was sich auch zählen lässt.

Arbeiten Sie in einem Irrenhaus?


Wenn ich in der Karriereberatung das Gefühl habe, dass ein Mitarbeiter unter seiner Firma leidet, dass er sich ins falsche Klima verirrt hat, dass er womöglich in einem Irrenhaus arbeitet, dann stelle ich immer dieselbe Frage: "Welche Situationen fallen Ihnen ein, in denen Sie bei der Arbeit ein schlechtes Gefühl im Bauch hatten? Das kann ein deutliches Gefühl gewesen sein, zum Beispiel Wut oder Traurigkeit, aber auch ein leises Gefühl, der Hauch eines Unbehagens, eine winzige Verstimmung."

Das ist eine Einladung an die Intuition. Probieren Sie es selbst aus, indem Sie an solche Situationen denken. Welche fallen Ihnen ein?

Gegen die eigenen Werte verstoßen

Ich wette, Sie werden eine Gemeinsamkeit feststellen: Es geht Ihnen immer dann schlecht, wenn Sie gegen das verstoßen müssen, was Ihnen heilig ist, gegen das, was Sie als Persönlichkeit ausmacht – gegen Ihre eigenen Werte.

Einzelne Verstöße sind oft bezeichnend und weisen auf einen grundlegenden Wertekonflikt zwischen der Firma und Ihnen hin. Hier ein Beispiel aus einer Beratung:

Der Chef als Kontrollfreak

Eine Marketing-Assistentin erzählte mir auf die Frage nach unguten Gefühlen: "Neulich habe ich ein Mailing verfasst. Mein Chef las drüber und hatte noch zwei winzige Korrekturen. Das waren keine Fehler, nur Geschmacksfragen. Er bat mich, die Änderungen einzupflegen und ihm den Text noch einmal vorzulegen. Das habe ich gemacht. Alles o.k. Doch eine halbe Stunde später sagte eine Kollegin zu mir: 'Mensch, was ist denn mit dir los – du wirkst so geknickt?' Ich hatte das gar nicht bemerkt, aber es stimmte: Ich fühlte mich schlecht."

Was steckte dahinter? Die Beratung ergab, dass die Marketing-Assistentin eine zupackende und selbständige Frau war. Als Kind hatte sie im Geschäft ihrer Eltern mitgeholfen, seit vielen Jahren leitete sie die Jugendgruppe eines Vereins. Sie liebte es, Dinge in der Hand zu haben, Verantwortung zu tragen, selbst zu entscheiden.

Gelebte Verdachtskultur

Doch welche Spielräume hatte sie in ihrer Firma? Warum hatte ihr Chef es für nötig gehalten, in das Mailing durch kleine Geschmackskorrekturen einzugreifen? Warum ließ er sich sogar diese Mini-Korrekturen noch einmal vorlegen?

Die Assistentin räumte ein: Solche Vorgänge waren typisch für dieses Irrenhaus. Es herrschte eine Verdachtskultur, ein System der Kontrolle. Ihr Chef glaubte nur, was er selbst gesehen hatte. Und sein Chef wiederum belauerte ihn. Die Arbeitszeiten wurden mit der Stechuhr erfasst, Dienstreisestrecken mit dem Fahrtroutenplaner nachgerechnet. Und sogar bei Kundenbefragung, die sie organisierte, drängten sich gleich zwei Vorgesetzte wie Kontrollkommissare dazu – obwohl ihre Anwesenheit sachlich nicht begründet war.

Hier kann man nur irrsinnig werden

Die höchsten Werte im Leben der Marketingassistentin waren Entscheidungsfreiheit und Verantwortungsgefühl. Wo sie diese Werte leben konnte, so in ihrer Jugendgruppe, blühte sie auf. Dagegen lief sie in ihrer Firma täglich gegen die Gitterstäbe der Kontrolle und des Hierarchiedenkens. Ihr eigenes Wertesystem und das des Unternehmens liefen diametral entgegen.

In der Beratung kamen wir zu dem Ergebnis: In dieser Firma konnte sie nicht glücklich, höchsten irrsinnig werden.

Darum prüfe, wer sich (ewig) bindet

Eine Firma muss zu Ihren Werten passen; sonst beschwören Sie ein irrsinniges Arbeitsverhältnis, Ihren persönlichen Niedergang herauf. Wer die Ehrlichkeit liebt, stürzt bei der "Münchhausen AG" ins Unglück; wer die Gründlichkeit liebt, versauert bei der "Hauptsache-schnell GmbH"; wer es unbürokratisch liebt, verzweifelt bei der "Prozessflut & Co. KG". Wer Sicherheit schätzt, wird bei der "Hire-and-fire-Company" wahnsinnig. Und was sollte ein Liebhaber von Kooperation und Miteinander in der "Gebrüder Haifischbecken OHG" sehen, wenn nicht ein absolutes Irrenhaus?

Darum prüfe, wer sich (ewig) an eine Firma bindet – und zwar zweierlei: seine Werte; und die Werte der Firma. Je größer die Schnittfläche, desto geringer der gefühlte Irrsinn – und desto glücklicher die Arbeits-Ehe.

>>> Im zweiten Teil erfahren Sie kommende Woche, warum ein spurenloser Fluchtplan so wichtig ist, wenn Sie das Irrenhaus verlassen wollen.

(Aus Martin Wehrle, "Ich arbeite in einem Irrenhaus" / Bild: NinaMalyna)

 

Der Karriereberater Martin Wehrle blickte seit Jahren hinter die Fassaden deutscher Unternehmen. In Gesprächen mit Mitarbeitern hat sich ihm ein Bild des Schreckens geboten. Welche Blüten der Irrsinn treibt und wie man als Mitarbeiter damit umgeht, beschreibt Wehrle in seinem neuen Buch "Ich arbeite in einem Irrenhaus".
www.gehaltscoach.de






Martin Wehrle. Ich arbeite in einem Irrenhaus. Econ. 14,99 Euro.